Der Wissenschaftler Klaus Bös plädiert für eine Stunde sportliche Aktivität pro Tag in der Schule
Interview: David Thinnes
„Bewegung ist dringend notwendig“: Das sagt Professor Klaus Bös. Der 71-Jährige beschäftigt sich am Institut für Sport und Sportwissenschaft in Karlsruhe vor allem mit der Motorikforschung.
Professor Klaus Bös, warum müssen sich Kinder bewegen?
Kinder haben von Natur aus einen normalen Bewegungsdrang. Das Problem ist, dass wir den Kindern die Bewegung immer mehr abgewöhnen. Früher war man draußen aktiv, heute drinnen. Es wird alles virtuell erlebt. Die Bewegung steht in großer Konkurrenz zu vielen Angeboten. Die Bewegung hat kein Alleinstellungsmerkmal. Aber die Bewegung ist sehr wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung. Kinder müssen ihren Körper ausprobieren. Das Problem der Übergewichtigkeit verschlimmert sich. Heute haben Kinder teilweise Krankheiten, die früher Menschen im Alter von 40, 50 Jahren hatten. Je älter ein Mensch wird, desto mehr Bewegung benötigt er.
Wissenschaftler Klaus Bös: „Sportunterricht muss anstrengend sein.“ Foto: M. Breig
Wie kann der Bewegungsdrang bei den Jugendlichen wieder erhöht werden?
Das ist eine ganz schwierige Frage. Vor allem müssen die Jugendlichen bei der Gestaltung von Sport und Bewegung miteinbezogen werden. Das fängt beim Schulsport an. Un im Verein verstärkt sich Problem um ein vielfaches. Es gibt nur noch wenig Angebote, die nicht auf Wettkampf ausgerichtet sind. Es macht keinen Sinn, den Schulsport so zu gestalten, wie sich das der Lehrer vorstellt. Die Kinder wollen das machen, was ihnen Spaß bereitet. Der Sportunterricht muss anstrengend sein. Die Kinder müssen schwitzen.
Immer wieder wird darüber diskutiert, ob eine obligatorische Sportstunde in der Grundschule Sinn machen würde. Wie sehen Sie das?
Ich bin nach wie vor der Meinung und fordere das auch: Es muss eine tägliche Sportstunde in der Grundschule geben. Aber ich bin auch nicht so blauäugig zu glauben, dies auch für das Lyzeum zu fordern. Wenn die Kinder nicht in der Grundschule für Sport und Bewegung begeistert werden, dann bekommt man das auch später nicht hin.
Welche Bedeutung haben die Eltern in der Bewegungserziehung der Kinder?
Die Eltern sind als Bewegungsvorbilder entscheidend. Wenn sie keine Zeit oder Lust haben, wirkt sich das auf die Kinder aus. Bei den unteren sozialen Schichten ist dies stärker ausgeprägt. Die Eltern haben eine entscheidende Funktion, wenn die Kinder sieben, acht Jahre haben. Dann sind die Eltern gefordert. Wichtig sind auch die sozialen Vergleichsgruppen. Als Eltern hat man Glück, wenn das Kind in einer Gruppe ist, in der Bewegung ein Thema ist. Wenn dies nicht der Fall ist, wird es schwierig.
Mit Prävention könnte ein Teil der Probleme im Ansatz gelöst werden. Könnten Sie sich Prävention als Schulfach vorstellen?
Ich denke nicht, denn das Schulprogramm darf nicht überfrachtet werden. Wir können nicht alles in der Schule abhandeln. Irgendwann muss man auch im Leben lernen. Man muss sich davor hüten, alles in die Schule packen zu wollen.
Was halten Sie vom Konzept „Bewegte Schule“?
Ich befürworte das, aber ich habe auch die Sorge, dass man dafür den Sportunterricht streicht.
Wo steht die Bewegungserziehung in zehn Jahren?
Jeder muss sich viel stärker bewusst werden, dass Bewegung dringend notwendig ist – auch in zunehmenden Alter. Bewegung ist eng mit unserer Gesundheit verknüpft.